Die 4%-Regel ist das Fundament der Bewegung für Finanzielle Unabhängigkeit (FIRE, Financial Independence, Retire Early). Sie besagt, dass Sie im ersten Jahr Ihrer Rente maximal 4% Ihres Gesamtportfolios entnehmen dürfen, wobei dieser Betrag jährlich an die Inflation angepasst wird. Historische Simulationen der Trinity Study (mit Daten von 1926 bis 1995) zeigten, dass bei einem Portfolio von 50-75% Aktien die Wahrscheinlichkeit, dass das Geld 30 Jahre hält, bei 95% oder höher liegt. Damit wurde die magische Zahl für das Zielkapital errechnet: *25-fache der jährlichen Ausgaben*.
Hinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Wenn du über diese Links etwas kaufst, erhalte ich möglicherweise eine kleine Provision, ohne dass es dich mehr kostet. Damit unterstützt du meine Arbeit für diesen Blog. Vielen Dank!
Doch die Finanzwelt von heute sieht anders aus. Wir erleben historisch niedrige Zinsen, Phasen hoher Inflation (Inflationsrechner) und massive geopolitische Unsicherheiten. Hält dieses über 30 Jahre alte Modell aus einer Zeit, in der Anleihen noch hohe Zinsen brachten, der modernen Realität stand? Diese Frage ist für jeden, der finanzielle Freiheit anstrebt, existenzkritisch. Wir analysieren, ob die 4 Prozent Regel Inflation und Krise trotzt und welche Anpassungen moderne Anleger vornehmen müssen.
1. Die historische Stärke:
Warum die 4%-Regel funktionierte
Die ursprüngliche Gültigkeit der 4%-Regel beruhte auf zwei zentralen Annahmen, die lange Zeit stabil waren, aber heute unter Druck stehen:
- Gesunde Anleihen-Renditen:
In den Simulationszeiträumen der Trinity Study lieferten Anleihen eine solide Rendite, die in Krisenzeiten der Aktienmärkte als stabiler Puffer diente. Ein klassisches Portfolio mit 60% Aktien und 40% Anleihen (Bonds) konnte die Entnahmen (Withdrawals) gut absorbieren, ohne das Kapital frühzeitig aufzuzehren. - Niedrige Entnahme-Sequenz (Sequence of Return Risk):
Das größte Risiko für frisch Pensionierte ist ein massiver Markteinbruch in den ersten Jahren. Durch die breite Streuung und den Anleihenpuffer in der frühen Phase konnte die 4%-Regel auch diesen kritischen Zeitraum (Sequence of Return Risk) in 95% der Fälle überstehen.
Die Regel war somit ein Meisterwerk der Diversifikation und des statistischen Mittelwerts, der davon ausging, dass schlechte Börsenjahre und hohe Inflation durch gute Jahre und normale Zinsbedingungen kompensiert werden.
2. Der Feind von heute:
Hohe Inflation und niedrige Zinsen
Die Achillesferse der 4%-Regel ist die Kombination aus langanhaltend niedrigen Zinsen und unvorhersehbarer hoher Inflation, wie wir sie in den 2020er Jahren gesehen haben.
Die doppelte Gefahr für das Kapital:
A) Der Anleihen-Puffer versagt:
Die 40% Anleihen im klassischen Portfolio liefern heute kaum noch reale Renditen nach Abzug der Inflation und Steuern. Im schlimmsten Fall sind die Anleihen während einer Inflationsphase sogar nominal gesunken. Der Puffer, der in den ersten Jahren einer Krise Stabilität bieten sollte, funktioniert nicht mehr so zuverlässig, da die Zinsen oft zu gering sind, um die Inflation auszugleichen.
B) Der Teufelskreis der Entnahme (Entnahme-Sequenz):
Wenn ein Portfolio früh in der Entnahmephase einen Einbruch erleidet (z.B. Aktien fallen um 30%) und gleichzeitig die Inflation hoch ist, müssen Sie die 4% von einem *kleineren* Kapitalstock entnehmen und diesen Betrag dann inflationär anpassen. Das führt dazu, dass Sie im schlimmsten Fall Aktienanteile verkaufen, die stark unterbewertet sind, was die Erholung des Portfolios massiv behindert. Ein genauer Entnahmerechner wird zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit des Kapitalschwunds in solchen Szenarien signifikant ansteigt.
Experten der Verhaltensökonomie (siehe *Die Psychologie des Geldes*) argumentieren, dass die 4%-Regel bei den aktuellen Marktbedingungen eher zu einer „3,5%-Regel“ oder sogar einer „3,0%-Regel“ korrigiert werden müsste, um die gleiche Überlebenswahrscheinlichkeit über 30 Jahre zu gewährleisten.
3. Die moderne Strategie:
Flexibilität statt Dogma
Wer heute finanzielle Unabhängigkeit anstrebt, sollte die 4%-Regel nicht als starres Dogma betrachten, sondern als Ausgangspunkt. Die moderne FIRE-Gemeinschaft setzt auf flexible Entnahmemethoden, um die 4 Prozent Regel Inflation fit für die Krise zu machen.
Anpassung 1: Dynamische Entnahmen
Die starre 4%-Regel schreibt vor, dass Sie Ihre Entnahme jedes Jahr um die Inflationsrate erhöhen, egal wie schlecht das Portfolio dasteht. Intelligente Anleger entnehmen dynamisch:
- Gute Jahre:
Entnahme plus volle Inflationsanpassung oder sogar ein Bonus. - Schlechte Jahre:
Entnahme wird entweder nicht inflationsbereinigt oder sogar nominal gesenkt (z.B. um 5-10%).
Diese Flexibilität, die jährlichen Ausgaben an die Marktlage anzupassen (z.B. durch Budgetanpassungen oder das Aufschieben großer Anschaffungen), erhöht die Überlebenswahrscheinlichkeit des Portfolios drastisch. Hierbei ist ein starkes, breit diversifiziertes Core-Portfolio, wie es die Core-Satellite Strategie vorsieht, entscheidend.
Anpassung 2: Der Cash-Puffer (Safety Bucket)
Um das Sequence of Return Risk zu mindern, bauen moderne FIRE-Strategen einen Cash-Puffer auf. Dieser „Sicherheits-Eimer“ enthält 1 bis 5 Jahre an Ausgaben in hochliquiden Anlagen (Tagesgeld, kurzlaufende Anleihen).
- Im Falle eines Markteinbruchs (Aktien fallen), entnehmen Sie die Ausgaben aus diesem Cash-Puffer.
- Sie lassen das Aktienportfolio unberührt und geben ihm Zeit zur Erholung.
Dieser Puffer schützt Sie vor dem Zwang, in der Verlustphase verkaufen zu müssen. Vergleichen Sie regelmäßig die Konditionen für Ihre Cash-Positionen, um die geringe Rendite zumindest zu optimieren (Tagesgeldkonto Vergleich).
Achtung: Ein Leben in finanzieller Unabhängigkeit erfordert auch adäquate Versicherungspolicen. Prüfen Sie, ob Ihre Krankenversicherung und andere Absicherungen auch ohne festes Arbeitsverhältnis den Notfall abdecken.
4. Alternativen zur traditionellen 60/40-Verteilung
Angesichts der schwachen Rolle der Anleihen müssen Anleger die traditionelle 60/40-Aufteilung (60% Aktien, 40% Anleihen) hinterfragen.
Die neuen Ansätze konzentrieren sich auf eine „risikoparitätische“ Diversifikation, die nicht nur auf Aktien setzt, sondern auch auf nicht-korrelierte Assets:
- Gold und Rohstoffe:
Diese können in Phasen hoher Inflation oder geopolitischer Krise als Stabilitätsanker dienen. - Value-Faktor:
Eine stärkere Gewichtung von Value-Aktien kann in Phasen steigender Zinsen und Inflation (wie in den 2020ern) besser abschneiden als reine Wachstumsaktien. - Geringere Entnahme bei längerer Entnahmedauer:
Die 4%-Regel wurde für 30 Jahre konzipiert. Wer vor 40 in Rente geht, braucht wahrscheinlich 40, 50 oder sogar 60 Jahre Kapitalsicherheit. Hier raten Experten oft nur zu 3,0% bis 3,5% Entnahme, um die Wahrscheinlichkeit des Überlebens des Kapitals zu erhöhen. Nutzen Sie den Rentenrechner, um Ihre persönliche Entnahmerate bei längerer Dauer zu simulieren.
Fazit
Die 4%-Regel ist historisch belegt, aber ihre Zuverlässigkeit wird durch die moderne Realität hoher Inflation und niedriger Anleihenrenditen stark herausgefordert. Die pauschale Anwendung des „25-fachen Ihrer Ausgaben“ ist heute zu riskant, insbesondere für Anleger mit einer Entnahmedauer von über 30 Jahren. Die größte Gefahr für das Kapital ist die Kombination aus frühem Markteinbruch und gleichzeitiger Inflationsanpassung der Entnahmen – das sogenannte Sequence of Return Risk.
Um die 4 Prozent Regel Inflation und Krise standhalten zu lassen, ist Anpassung nötig. Flexible Entnahmemethoden, ein Cash-Puffer für Krisenzeiten und die Erweiterung der Diversifikation über traditionelle Anleihen hinaus sind heute unerlässlich. Wer finanzielle Unabhängigkeit plant, muss die 4%-Regel als Startpunkt verstehen und durch moderne Risikomanagement-Strategien ergänzen.




